Mit schwarzem Winkel im KZ

Veranstaltung zu den Massenverhaftungen der »Aktion Arbeitsscheu Reich« 1938

Unser Ausstellungkonzept stellen wir am 31. Oktober 2023 erstmalig einem größeren Publikum in Berlin vor. Den Anlass bietet eine Veranstaltung zur sogenannten Aktion Arbeitsscheu Reich, eine kaum bekannte Massenverhaftung im Jahr 1938.

Vor 85 Jahren nahmen Gestapo und Kriminalpolizei mehr als 10.000 Menschen fest und wiesen sie in Konzentrationslager ein. Diese Massenverhaftungen der »Aktion Arbeitsscheu Reich« im Frühjahr und Sommer 1938 waren in ihrer systematischen und reichsweiten Form neu für die NS-Verfolgungspolitik. Die Gewalt richtete sich gegen Personen, denen Polizei sowie Arbeits- und Wohlfahrtsämter vorwarfen, Arbeitsstellen abzulehnen und nicht arbeiten zu wollen. Schon geringe Vorstrafen reichten aus, um ins Visier der Kriminalpolizei zu geraten. Mit dieser Begründung wurden auch tausende Juden im Juni 1938 zur Zwangsarbeit in Konzentrationslager verschleppt.

Die Erinnerung an diese Massenverhaftungen gehört bis heute nicht zur Tagesordnung, was die Aufarbeitung von Naziverbrechen angeht. Lange Zeit verleugnete die deutsche Gesellschaft die Gewalterfahrungen der Verfolgten, die als »Arbeitsscheue« und »Asoziale« bezeichnet wurden. Akteur/-innen der Erinnerungskultur übergingen die Ereignisse zwischen April und Juni 1938 mit Stillschweigen. Wissen darüber ist in der deutschen Bevölkerung kaum vorhanden.

Mit der Veranstaltung wollen wir dem Vergessen etwas entgegensetzen. Eingeladen hatte die Ständige Konferenz der Gedenkstätten im Berliner Raum, zu der auch die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gehört. Als Referent des Abends ist Dr. Henning Borggräfe, Leiter des NS-Dokumentationszentrums Köln, zu Gast. Er stellt den zahlreichen Zuhörer/-innen seine Studie vor, in der er den Weg fast 300 Verhafteter der »Aktion Arbeitsscheu Reich« durch das Konzentrationslager-System nachzeichnet. Viele überlebten die Zeit im Lager nicht.

Dr. Henning Borggräfe Foto: Topographie des Terrors
Friederike Pescheck und Oliver Gaida Foto: Topographie des Terrors

Im Anschluss daran geben wir einen kurzen Einblick in das Ausstellungskonzept »Die Verleugneten. Opfer des Nationalsozialismus«. Wir erläutern anhand beispielhafter Biografien einzelner Verfolgter, die in der »Aktion Arbeitsscheu Reich« verhaftet und in Konzentrationslager eingewiesen wurden, wie wir die Verfolgungsgeschichten in der Ausstellung erzählen werden. Zentral ist dafür insbesondere, dass die Erfahrungen der Verfolgten sichtbar werden sollen. Wie lebten sie? Welche Gewalt übten die nationalsozialistischen Behörden und Organisationen gegen sie aus? Wie versuchten sie sich der Verfolgung zu entziehen?

v.l.n.r. Dr. Andrea Riedle, Dr. Henning Borggräfe, Friederike Pescheck und Oliver Gaida. Foto: Topographie des Terrors

Die abwertenden Zuschreibungen der Dokumente der Täter/-innen sollen dekonstruiert werden und ihnen eine andere Erzählung entgegengesetzt werden. Darum dreht sich auch die anschließende Diskussion: Wie lässt sich die große Bandbreite an Menschen, die als »Asoziale« und »Berufsverbrecher« verfolgt wurden, deutlich machen? Wie lässt sich mit den diffamierenden Begriffen und Quellen der nationalsozialistischen Behörden umgehen? Wie lassen sich die vielen unterschiedlichen Täter/-innen – von den Sozialbehörden über die Kriminalpolizei und SS bis zur kriminalbiologischen Forschung – adäquat darstellen?

Oliver Gaida

Weiterlesen:

Henning Borggräfe: Die Rekonstruktion von Verfolgungswegen im NS-Terrorsystem. Eine Fallstudie zu Opfern der Aktion „Arbeitsscheu Reich“, in: Henning Borggräfe (Hg.): Wege, Orte und Räume der NS-Verfolgung (=Freilegungen, Jahrbuch des ITS 5), Göttingen 2016, S. 56-82.

The SS (»Schutzstaffel«) under the leadership of Heinrich Himmler was envisioned as an elite paramilitary organisation of the National Socialist state. With Himmler’s takeover and reorganisation of the police, the SS became the regime’s central instrument of terror. In 1934, it was given control over all concentration camps. The Reich Security Main Office (RSHA), formed in 1939 as the planning centre for crimes in German-occupied Europe, was subordinated to it.

The Nazis established the »Secret State Police« (Geheime Staatspolizei, abbr. Gestapo) to combat political opponents. It was also instrumental in the persecution of minorities. Gestapo officials did not require a court warrant to search apartments or to detain people, send them to concentration camps or murder them. They tortured people under interrogation to force confessions out of them. In the occupied territories members of the Gestapo participated in mass shootings and other crimes.